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PRESSE
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Sosarme von G. F. Händel, Händelfestspiele Halle


nmz – neue Musikzeitung, 30.5.2016 (Joachim Lange)

Einstürzende Altbauten – Händels „Sosarme, Re di Media“ bei den Händelfestspielen in Halle

Philipp Harnoncourt und Bernhard Forck sorgen am Opernhaus mit der szenischen Erstaufführung von Händels „Sosarme, Re di Media“ für eine musikalisch glanzvolle und szenisch packende Entdeckung.

Davon, dass „Sosarme, Re di Media“ eine der ganz selten gespielten Händelopern ist, haben sich weder Bernhard Forck und das Händelfestspielorchester, noch Philipp Harnoncourt und sein Team irgendwie beeindrucken lassen. Mit einem mageren Dutzend von Inszenierungen kann man nicht wirklich von einer Rezeptionsgeschichte dieser 1732 erfolgreich uraufgeführten Händeloper reden – auf deutschem Boden sind da nur Göttingen und die konzertante Aufführung in Bad Lauchstädt 1989 in den Annalen vermerkt. Für den Festspielauftakt hat das Opernhaus jetzt die Chance genutzt, das vergessene Werk ins rechte Licht unserer Gegenwart zu rücken und sich mit ansteckender spielerischer Freude darauf gestürzt.

Dabei sprechen der musikalische Charme und die immer wieder aufflackernde Experimentierfreude Händels für sich. Wenn die anfangs recht verwirrenden Verwandtschaftsbeziehungen, Obsessionen und die Intrige einigermaßen klar sind (was sich auf sagen wir mal mittlerem Händelniveau hinzieht), dann gibt es nach der Pause ein betörend schönes Duett zwischen dem Titelhelden Sosarme und seiner Braut Elmira, das dem Schlingern zwischen Familienintrige und eskalierendem Bürgerkrieg ein vorübergehendes Innehalten verordnet, um dann mit einem Paradebeispiel für Händels Fähigkeit, mit einer Arienperlenkette vom Feinsten, das Publikum zu fesseln, musikalisch deutlich zuzulegen. Eingängige Melodien, auftrumpfender Rhythmus, auch Steilvorlagen für Witz und Ironie - all das folgt Schlag auf Schlag. Und selbst das liteo fine kommt nicht ganz so abrupt wie es den Gepflogenheiten der Zeit entsprach, sondern verströmt selbst auf den letzten Drücker noch in melodischer Schönheit.

Am Ende triumphiert Händel dann doch. Aber wen wundert’s, wenn sich das HFO auf seinen historischen Instrumenten in Hochform präsentiert, mit einzelnen gestrichenen oder geblasenen Soli glänzt und von Anfang an einen straffen dramatischen Sound liefert, der immer wieder mit betörenden Melodien, Intrigenparlando oder gar Witz aufwartet. Dazu: ein hinreißendes Protagonisten-Ensemble: Das geht los beim händelbewährten Robert Sellier als König (und Vater) und der jungen Henriette Gödde, die als Königin Erenice und Mutter mit ihrer dunkel leuchtenden Präsenz überzeugt (ein beglückender Neuzugang in der Riege der Händelinterpretinnen). Counter Michael Taylor läuft als beider Sohn Argone zu Hochform als Revoluzzer gegen den Vater und die ganze Ordnung auf. Ki-Hyun Park ist als Berater des Königs und Großvater des unehelichen Königssohns Melo (Julia Böhme, mit ihrem prägnanten Mezzo) der dunkel donnernde Fiesling im Stück, dem es fast gelingt, Vater und Sohn in ein Duell zu hetzten. Der bei Benno Schachtner mit stilsicher geschmeidigem Counter ausgestattete Titelheld und vorgesehene Schwiegersohn des Königs schließlich gehört wie seine Verlobte Elmira (in jeder Hinsicht höhensicher: Ines Lex) in die große Koalition der Vernünftigen, die am Ende dann doch ins liteo fine führen, bei dem, wie es sich gehört, nur der Intrigant – von der Einsicht in seine Bosheit übermannt – Selbstmord begeht.

Harnoncourts szenischer Weg dorthin freilich gleicht einem Bühnenbürgerkrieg, bei dem die dafür hochgerüsteten Hilfstruppen des Königs und seines rebellierenden Filius zwar mit ziemlichem Getöse, Lärm und Rauch, inklusive einer veritablen Explosion und einer umstürzenden Häuser- bzw. Ruinenwand, das Bühnenhaus metaphorisch und konkret zerlegen, aber doch am Kern des Konfliktes bleiben. Händel hatte den Plot selbst schon aus der Wiedererkennbarkeit damals aktueller politischer Konstellationen, in eine größere zeitliche und räumliche Ferne verlegt. Das Regieteam (zum dem Katja Rotrekl und Elisabeth Ahsef gehören) holt sie ins exemplarisch Wiedererkennbare heran. Rausgekommen ist dabei ein handfester, ironisch gebrochener Reality-Barock, der trotz des schmetternden „Auf zum Gemetzel, auf zum Tod, auf zum Sieg“ des Soldatenchores (aus Komparsen!) immer wieder mit Selbstironie und Witz unterlaufen wird. Wenn der Intrigant dem König wie eine Marionette tanzen lässt, Sosarme mit einem roten Stoffflecken am Nachthemd eine Mordswunde vortäuscht, sie aber fürs Liebesduett einfach beiseitelegt. Oder eben auch, wenn einzelne Musiker immer wieder bei passender Gelegenheit auf der Bühne im doppelten Wortsinn mit-spielen. Dann macht die Collage aus Familie und Krieg zunehmend Spaß. Einhelliger Jubel beim Premierenpublikum!

MZ – mitteldeutsche Zeitung, 24.5.2016 (Joachim Lange)

„Sorsarme, Re di Media“ ist der Beitrag des halleschen Opernhauses für das aktuelle Festspielprogramm. 1732 war diese Oper ein Londoner Uraufführungserfolg, verschwand dann aber in der Versenkung. Eine konzertante Aufführung in Bad Lauchstädt 1989 (mit Altus Axel Köhler) erweiterte das magere Dutzend Inszenierungen, das es seither gab, auch nicht gerade.

Für Bernhard Forck, der die szenische Erstaufführung für Halle zusammen mit Regisseur Philippe Harnoncourt mit dem Händel-Festspielorchester einstudiert, ist das eine der Merkwürdigkeiten der Rezeptionsgeschichte. Nun hat zwar der titelgebende verschmähte Sohn im ersten Akt, jener Sorsarme, nicht mal eine eigene Arie. Und das, obwohl die Partie bei Händel mit dem Kastraten-Superstar Senesino besetzt war. Aber es gibt mitten im Stück, verrät Forck mit spürbarer Begeisterung, ein wunderbares, seinerzeit höchst populäres Liebes-Duett. Mitten in einem Krieg lässt Händel da die Zeit gleichsam still stehen.

Dass Halle ein besonderer Ort der Händel-Pflege ist, weiß Bernhard Forck, der das Händel-Festspielorchester seit Jahren leitet und in der Riege führender Spezial-Orchester etabliert hat, natürlich zu schätzen. Doch auch der Regisseur, der zum ersten Mal in Halle gastiert, spürt den Standortvorteil, bei Händel „daheim“ zu sein. Szenisch hat sich Philipp Harnoncourt für eine einfache, heutige Anmutung entschieden. Händel hatte den eigentlich vorgesehenen Plot aus dem Umfeld von Englands Verbündetem Portugal weiter in die Vergangenheit und nach Nordafrika verlegt, um nicht unnötig anzuecken. In Halle wird der politische Konflikt auf einen familiären Clinch heruntergebrochen.

Wobei der Regisseur, der unter anderem bei seiner hochgelobten Wiener „Rodelinda“-Inszenierung mit seinem kürzlich verstorbenen Dirigenten-Vater Nicolaus zusammengearbeitet hat, dem Zuschauer das Selberdenken nicht abnehmen will. Barock-Oper, meint Harnoncourt, sei ja generell eine Einladung an die Fantasie. Was für das Produktionsteam gilt - und natürlich auch für den Zuschauerraum.

www.omm.de, 28.5. (Thomas Molke)

Familienfehde in aktuellen Bildern

… Philipp Harnoncourt findet für seine Inszenierung sehr aktuelle Bilder. So haben sich Argone und seine Anhänger hinter einem abgesperrten Drahtzaun in einem heruntergekommenen Haus verbarrikadiert, das einer Ruine gleicht. Die erste Etage, in der sich die Überreste eines Badezimmers befinden und die nun dazu dient, das Treiben der Feinde zu beobachten, ist nur noch über eine wackelige Leiter zu erreichen, und Harnoncourt scheut sich auch nicht, Elmira während einer Arie diese Leiter hinaufzuschicken. Die beschrifteten Spruchbänder die aus den Fenstern hängen, erinnern an die Hausbesetzerszene, und Harnoncourt lässt Haliate mit seinem Gefolge wie moderne Polizeitrupps gegen die Besetzer vorgehen. Er lässt sogar eine Arie Haliates von lautem Pöbeln der Statisten auf der Bühne und im Zuschauerraum stören, um den Konflikt auf der Bühne noch zuzuspitzen. Auch pyrotechnische Effekte dürfen nicht fehlen. So gibt es zwei heftige Explosionen, und im zweiten Teil fällt dann auch eine Wand des arg in Mitleidenschaft gezogenen Hauses um. Für das Duell verwendet er Schusswaffen, was teilweise im Widerspruch zum gesungenen Text steht. Dichter Bühnennebel, der die Protagonisten einhüllt, macht dabei allerdings verständlich, wieso bei diesem Duell Erenice und Melo verletzt werden.

Mit den Verwundungen nimmt es Harnoncourt dann allerdings nicht so ernst. So ist die blutende Wunde, die Erenice erhält, ein Stück roter Stoff, den sie sich beim Friedensschluss fröhlich vom Kleid reißt. Ähnlich verfährt Harnoncourt auch beim Duett nach der Pause zwischen Sosarme und Elmira. Wenn die beiden in einer der beliebtesten Nummern der Oper, "Per le porte del tormento", die Händel später in seine Oper Imeneo übernahm, besingen, wie ihre Seelen durch das Tor der Qualen zur Lust gelangen, befreit sich Sosarme nicht nur vom Tropf und seiner riesigen roten Stoffwunde, sondern legt mit Elmira auch noch eine flotte Tanzeinlage aufs Parkett. Auch Altomaros Tod scheint Harnoncourt nicht ganz ernst zu nehmen. So ersticht er sich mit einem überdimensionalen Schwert auf der Bühne und schüttet sich einen Eimer Wasser über den Kopf als Zeichen dafür, dass er sich sterbend ins Wasser gestürzt hat. Am Ende tritt er dann auch wieder recht lebendig auf und deutet mit zwei Teufelshörnern an, dass der Frieden keineswegs so dauerhaft sein wird, wie ihn die Protagonisten im Schlusschor besingen. Auch der spielerische Kampf um die Krone, den Haliate und Argone während des letzten Duetts zwischen Elmira und Sosarme betreiben, lässt es fragwürdig erscheinen, ob sich Vater und Sohn wirklich auf Dauer ausgesöhnt haben.

Musikalisch enthält die Oper einige Höhepunkte, die das eingangs erwähnte Lob des Earl of Egmont nachvollziehbar machen. Neben dem bereits erwähnten Duett hat Händel auch vier Arien in sein vier Jahre später entstandenes Pasticcio Oreste übernommen. Im Ohr bleibt auch Erenices große Arie "Cuor di madre, cuor di moglie" aus dem dritten Akt, in dem sie beklagt, dass sie beim Duell entweder ihren geliebten Gatten oder ihren Sohn verlieren wird. Henriette Gödde arbeitet mit dunkel eingefärbtem Mezzo Erenices Zerrissenheit beeindruckend heraus. Unterstützt wird die Emotion noch durch die Solo-Violine, die Harnoncourt für den musikalischen Dialog mit Gödde auf die Bühne treten lässt. Auch in den übrigen Arien überzeugt Gödde mit warmem Timbre. Ines Lex stattet die Elmira mit leuchtendem Sopran aus. Ein Höhepunkt dürfte ihre große Gleichnis-Arie am Ende des zweiten Aktes darstellen, in der die Flöte den besungenen Vogel beschreibt, der immer wieder in sein Nest zurückkehrt. Auch in den Duetten mit Benno Schachtner findet sie zu einer bewegenden Innigkeit. Schachtner begeistert in der Titelpartie mit in den Koloraturen beweglichem Countertenor, der in der Höhe enorme Strahlkraft besitzt. Auch für ihn hält die Partitur einige Bravour-Arien bereit. Weiterer Star des Abends ist Ki-Hyun Park als Bösewicht Altomaro. Sein Bass steigt mit gewaltiger Kraft in die dunkelsten Tiefen hinab und beweist in den schnellen Läufen große Flexibilität. Besonders in seiner zweiten Arie vor der Pause dreht Park auf, wenn er überzeugt ist, dass seine Intrige von Erfolg gekrönt sein wird und er mit Händelperücke in den Orchestergraben hinabsteigt und selbst mitmusiziert.

Julia Böhme überzeugt als Haliates unehelicher Sohn Melo mit weichem Mezzosopran, der dem sanften Charakter der Figur entspricht. Michael Taylor gibt sich als Argone mit beweglichem Counter und einigen Registerwechseln zwischen Kopf- und Bruststimme wesentlich kämpferischer und punktet auch darstellerisch als rebellischer Sohn. Robert Sellier stattet den König Haliate mit hellem Tenor aus. Bernhard Forck führt das Händelfestspielorchester mit gewohnt sicherer Hand durch die Partitur, und die Statisterie darf bei den Chören sogar mitsingen.

So gibt es am Ende für alle Beteiligten großen Applaus.

Die Oper Halle beweist, dass Händels Oper Sosarme musikalisch zu Unrecht vernachlässigt wird. Es bleibt zu hoffen, dass dieses Werk den Weg ins Repertoire findet.